Lexikon
Argumentationslexikon
Fehlschlüsse, unfaire Diskussionstechniken und was gute Argumentation ausmacht – 273 Begriffe, die Grundlage der KI-Prüfung auf politforum.net.
Formale Fehlschlüsse
Aussagenlogik
- Bejahung des KonsequensAus „Wenn A, dann B“ und „B ist der Fall“ wird unzulässig gefolgert, dass auch A der Fall sein muss.
- Bejahung eines DisjunktionsgliedsAus „A oder B“ und „A ist wahr“ wird gefolgert, dass B falsch sein muss, obwohl das „oder“ beides zulässt.
- Fehlschluss-FehlschlussWeil ein Argument für eine These fehlerhaft ist, wird die These selbst für falsch erklärt.
- Non sequiturDie Schlussfolgerung ergibt sich nicht aus den vorgebrachten Prämissen; zwischen Begründung und Behauptung fehlt eine logische Verbindung.
- Unzulässige KontrapositionAus „Wenn A, dann B“ wird „Wenn nicht A, dann nicht B“ abgeleitet, statt korrekt „Wenn nicht B, dann nicht A“.
- Verneinung des AntezedensAus „Wenn A, dann B“ und „A ist nicht der Fall“ wird unzulässig gefolgert, dass auch B nicht der Fall ist.
- Verneinung eines KonjunktionsgliedsAus „Nicht zugleich A und B“ und „A ist falsch“ wird unzulässig gefolgert, dass B wahr sein muss.
- Vertauschung von Bedingung und FolgeAus „Wenn A, dann B“ wird ohne Begründung „Wenn B, dann A“ gemacht, als wären Bedingung und Folge austauschbar.
Quantoren
- ExistenzfehlschlussAus reinen Allaussagen wird geschlossen, dass bestimmte Dinge tatsächlich existieren, obwohl die Prämissen das nicht behaupten.
- Maskierter-Mann-FehlschlussAus unterschiedlichem Wissen, Glauben oder Wollen über zwei Beschreibungen wird geschlossen, dass sie nicht dasselbe Ding bezeichnen können.
- Modaler SkopusfehlerDie Notwendigkeit eines Wenn-dann-Zusammenhangs wird fälschlich auf die Folge selbst übertragen, sodass etwas Zufälliges als zwangsläufig erscheint.
- QuantorenvertauschungAus „Für jedes X gibt es ein Y“ wird unzulässig „Es gibt ein Y für alle X“ gefolgert.
- Unberechtigter Umkehrschluss bei „einige“Aus „Einige A sind B“ wird gefolgert, dass einige A nicht B sind, obwohl „einige“ logisch auch „alle“ zulässt.
- Unzulässige Kontraposition bei AllaussagenAus „Einige A sind B“ oder „Kein A ist B“ wird unzulässig eine kontraponierte Aussage über Nicht-B und Nicht-A abgeleitet.
- Unzulässige KonversionAus „Alle A sind B“ (oder „Einige A sind nicht B“) wird durch Vertauschen von Subjekt und Prädikat unzulässig „Alle B sind A“ gefolgert.
Syllogismen
- Bejahender Schluss aus verneinender PrämisseEin Syllogismus mit einer verneinenden Prämisse endet in einer bejahenden Schlussfolgerung, was logisch nicht möglich ist.
- Quaternio terminorumEin Syllogismus verwendet scheinbar drei, tatsächlich aber vier Begriffe, meist weil ein Wort in beiden Prämissen unterschiedlich gemeint ist.
- Unerlaubter OberbegriffDie Schlussfolgerung sagt etwas über alle Fälle des Oberbegriffs aus, obwohl die Prämisse nur über einen Teil davon spricht.
- Unerlaubter UnterbegriffDie Schlussfolgerung verallgemeinert auf alle Fälle des Unterbegriffs, obwohl die Prämisse nur einen Teil davon erfasst.
- Unverteilter MittelbegriffZwei Dinge werden gleichgesetzt, weil beide dieselbe Eigenschaft haben: „Alle A sind C, alle B sind C, also sind alle A B.“
- Verneinender Schluss aus bejahenden PrämissenAus ausschließlich bejahenden Prämissen wird eine verneinende Schlussfolgerung gezogen, die so nicht folgen kann.
- Zwei verneinende PrämissenAus zwei verneinenden Prämissen wird eine Schlussfolgerung gezogen, obwohl aus zwei Verneinungen im Syllogismus nichts folgt.
Wahrscheinlichkeitslogik
- KonjunktionsfehlschlussDas gemeinsame Eintreten zweier Ereignisse wird für wahrscheinlicher gehalten als das Eintreten eines der beiden allein.
- Schluss von Möglichkeit auf GewissheitWeil etwas möglich oder wahrscheinlich ist, wird es als sicher oder bereits eingetreten behandelt.
Relevanzfehler
Angriffe auf die Person
Persönliche Angriffe
- Angriff wegen des Geschlechts (Ad feminam)Eine Aussage wird unter Verweis auf das Geschlecht der sprechenden Person (oft einer Frau) oder auf Geschlechterklischees abgewertet, statt inhaltlich geprüft.
- BrunnenvergiftungJemand wird vorab, bevor er argumentiert, so abgewertet, dass alles, was er sagen wird, von vornherein als unglaubwürdig gilt.
- BulverismusOhne zu zeigen, dass eine Ansicht falsch ist, wird ihre Falschheit vorausgesetzt und nur erklärt, welche psychischen Gründe das Gegenüber zu diesem „Irrtum“ führen.
- Persönlicher Angriff (Ad hominem)Eine Position wird zurückgewiesen, indem die Person beschimpft oder abgewertet wird (Charakter, Intelligenz, Aussehen), statt auf ihre Gründe einzugehen.
- Umstandsbezogenes Ad hominemEin Argument wird allein wegen der Lebensumstände oder Interessen des Sprechers verworfen (Beruf, Herkunft, Partei, Vorteil), ohne seinen Inhalt zu prüfen.
- Unterstellung von MotivenEin Argument wird verworfen, indem dem Sprecher verborgene Absichten unterstellt werden (Karriere, Stimmenfang, Geltungsdrang), ohne dass die Gründe selbst geprüft werden.
Herkunft und Umfeld
- Aufwertung durch AssoziationEine Position oder Person wird aufgewertet, weil angesehene Personen, Gruppen oder Symbole mit ihr verbunden sind, ohne dass dies etwas über die Sache belegt.
- Dann geh doch! (Verräterischer Kritiker)Kritik an einer Gruppe, Organisation oder einem Land wird abgewehrt, indem dem Kritiker Illoyalität vorgeworfen oder nahegelegt wird, er solle doch gehen.
- Genetischer FehlschlussEine Idee wird allein wegen ihres Ursprungs oder ihrer Entstehungsgeschichte (Quelle, Epoche, Erfinder) für falsch oder richtig erklärt, statt nach ihrer heutigen Begründung.
- IdentitätsfehlschlussDie Gültigkeit eines Arguments wird an der Gruppenzugehörigkeit des Sprechers (Herkunft, Geschlecht, Alter, Religion, Klasse) festgemacht statt an seinen Gründen.
- Nazi-Vergleich (Reductio ad Hitlerum)Eine Position wird verworfen, weil auch Hitler, die Nazis oder ein anderes Terrorregime sie vertreten haben oder sie oberflächlich an diese erinnert.
- Sippenhaft-Argument (Schuld durch Assoziation)Eine Position oder Person wird abgewertet, weil auch unbeliebte Personen oder Gruppen sie vertreten oder mit ihr in Verbindung stehen.
Status und Absicht
- Appell an LeistungenEine Aussage wird wegen der Erfolge des Sprechers akzeptiert oder wegen fehlender Erfolge des Kritikers abgelehnt, obwohl diese Leistungen zur Sachfrage nichts beitragen.
- Einwand des HöflingsKritik wird abgewiesen, weil der Kritiker die Fachliteratur oder Feinheiten einer Lehre nicht im Detail kenne, obwohl seine Kritik grundsätzliche Voraussetzungen betrifft.
- Fehlschluss der fehlenden QualifikationEin Argument wird abgelehnt, weil dem Sprecher ein Titel, Abschluss oder Amt fehlt, obwohl seine Gründe auch ohne diese Qualifikation überprüfbar sind.
- Fehlschluss der guten AbsichtEine Behauptung oder Maßnahme wird für richtig erklärt, weil die Person dahinter gute Absichten oder einen guten Charakter hat, nicht weil sie belegt oder wirksam ist.
Appelle an Gefühle
Angst und Druck
- Angstappell (Panikmache)Zustimmung wird erzeugt, indem übertriebene oder unbelegte Gefahren ausgemalt werden; die Angst ersetzt den Nachweis, dass die Gefahr real und wahrscheinlich ist.
- Beweis durch EinschüchterungEine Behauptung wird durch einschüchterndes Auftreten, Fachjargon oder die Unterstellung durchgesetzt, nur Dumme könnten widersprechen, statt durch nachvollziehbare Begründung.
- Denkt doch an die Kinder!Eine Maßnahme soll gerechtfertigt sein, weil sie angeblich Kinder schützt, ohne Belege für die Wirkung und so, dass Kritik als Kinderfeindlichkeit erscheint.
- Drohung (Argumentum ad baculum)Zustimmung wird durch angedrohte Nachteile oder Gewalt seitens des Sprechers erzwungen statt durch Gründe für die Wahrheit oder Richtigkeit der Position.
Mitleid, Stolz, Spott
- Appell an GefühleGefühle (Rührung, Empörung, Stolz, Schuld) werden geweckt, um eine Behauptung zu stützen, obwohl sie keinen Grund für deren Wahrheit liefern; Spezialformen haben eigene Einträge.
- Appell an Wut und GehässigkeitGroll, Neid oder Empörung gegen eine Person oder Gruppe werden geschürt, damit eine Behauptung oder Maßnahme Zustimmung findet, die sachlich damit nicht begründet ist.
- LächerlichmachenEine Position wird durch Spott, Ironie oder überzeichnete Darstellung lächerlich gemacht, statt mit Gründen widerlegt zu werden.
- MitleidsappellMitleid mit einer Person oder Gruppe soll eine Behauptung stützen, die mit deren Notlage sachlich nichts zu tun hat.
- Patriotismus-Appell (Fahnenschwenken)Zustimmung wird über Heimatliebe oder Gruppenloyalität eingefordert („Ein echter Patriot ist dafür“), statt die Maßnahme sachlich zu begründen.
- SchmeicheleiDas Publikum wird gelobt („Kluge Leute wie Sie sehen sofort …“), damit es einer Behauptung zustimmt, ohne dass Gründe für die Behauptung genannt werden.
Wünsche und Interessen
- Appell an den EigennutzEine Tatsachen- oder Gerechtigkeitsbehauptung soll gelten, weil sie dem Publikum persönlich nützt; eigene Interessen bei Entscheidungen zu bedenken ist dagegen legitim.
- Appell an die FolgenEine Tatsachenbehauptung wird für wahr oder falsch erklärt, weil ihre Folgen erwünscht oder unerwünscht wären; bei Entscheidungen über Maßnahmen sind Folgen dagegen legitim.
- Appell an einen SchlussstrichEine Erklärung oder Entscheidung soll akzeptiert werden, weil endlich Klarheit oder Ruhe herrschen müsse, nicht weil sie gut begründet ist.
- Fehlschluss der versunkenen KostenAn einem Vorhaben wird festgehalten, weil schon viel Geld, Zeit oder Mühe investiert wurde, obwohl nur künftige Kosten und Nutzen für die Entscheidung zählen.
- WunschdenkenEtwas wird geglaubt oder verworfen, weil man es sich wünscht oder fürchtet, nicht weil die Belege dafür oder dagegen sprechen.
Autorität und Mehrheit
Falsche Autoritäten
- Anonyme AutoritätEine Behauptung wird mit ungenannten Autoritäten („Experten sagen“, „Studien belegen“, „Insider berichten“) begründet, die sich nicht überprüfen lassen.
- Berufung auf Gottes WillenEine Position oder Handlung wird damit gerechtfertigt, dass Gott, das Schicksal oder eine höhere Macht sie wolle, was sich nicht überprüfen lässt.
- Bloße Behauptung (Ipse dixit)Eine Behauptung soll allein deshalb gelten, weil der Sprecher (oder seine Bewegung, sein Vorbild) sie aufstellt, ohne jede weitere Begründung.
- GlaubensappellStatt Gründe zu liefern, wird verlangt, eine Behauptung im Glauben anzunehmen; wer zweifelt, habe eben nicht genug Vertrauen.
- Unzulässiger AutoritätsappellEine Behauptung soll stimmen, weil eine fachfremde, befangene oder einzelne abweichende Autorität sie vertritt; das Zitieren echter Fachleute im eigenen Fachgebiet ist legitim.
Mehrheit und Hausverstand
- Appell an den HausverstandEine strittige Behauptung wird als selbstverständlich oder als „Hausverstand“ ausgegeben, um sich die Begründung zu sparen und Widerspruch als unvernünftig darzustellen.
- Argument aus UngläubigkeitEine Behauptung wird abgelehnt, weil man sie sich nicht vorstellen kann oder sie unglaublich erscheint, statt die vorhandenen Belege zu prüfen.
- Das machen doch alleEin Verhalten wird gerechtfertigt, weil es weit verbreitet oder üblich ist, obwohl Verbreitung nichts darüber aussagt, ob es richtig oder zulässig ist.
- Galilei-GambitEine Außenseiterposition soll richtig sein, weil sie wie einst Galilei von der Mehrheit oder den Fachleuten abgelehnt wird; Ablehnung ist aber kein Wahrheitsbeweis.
- Mehrheitsappell (Ad populum)Eine Behauptung soll wahr oder gut sein, weil viele Menschen oder die Mehrheit sie glauben; Mehrheiten entscheiden demokratisch, aber nicht über Tatsachen.
- Mitläufereffekt (Bandwagon)Man soll sich einer Position anschließen, weil sie gerade an Zuspruch gewinnt oder „alle umsteigen“, und man nicht zurückbleiben will.
Tradition, Natur, Geld
- Appell an ArmutEine Aussage gilt als glaubwürdiger oder richtiger, weil sie von armen oder einfachen Leuten stammt, oder eine Sache als besser, weil sie bescheiden oder billig ist.
- Appell an das GesetzEtwas wird für moralisch richtig erklärt, weil es legal ist, oder für falsch, weil es verboten ist, obwohl Recht und Moral nicht deckungsgleich sind.
- Appell an ReichtumEine Aussage oder Sache gilt als richtig oder besser, weil sie von Reichen stammt oder viel Geld kostet, obwohl Reichtum oder Preis das nicht belegen.
- Chronologischer HochmutEin Gedanke wird verworfen, weil er aus einer früheren, als überholt geltenden Zeit stammt, ohne dass gezeigt wird, dass er tatsächlich widerlegt wurde.
- NatürlichkeitsappellEtwas wird für gut, gesund oder richtig erklärt, weil es „natürlich“ ist, oder für schlecht, weil es „unnatürlich“ ist, ohne weitere Begründung.
- NeuheitsappellEtwas soll besser oder richtig sein, nur weil es neu, modern oder zeitgemäß ist, ohne dass seine Vorteile belegt werden.
- NormalitätsappellEtwas wird für gut erklärt, weil es „normal“ ist, oder für schlecht, weil es von der Norm abweicht, ohne zu begründen, warum die Norm maßgeblich ist.
- TraditionsappellEtwas soll richtig oder besser sein, nur weil es schon lange so gemacht wird oder Tradition hat, ohne Gründe für seine heutige Berechtigung.
Ablenkung
Am Thema vorbei
- Ablenkungsmanöver (Roter Hering)Ein anderes, oft emotional aufgeladenes Thema wird eingeführt, um von der eigentlichen Frage abzulenken, ohne diese zu beantworten.
- Am Thema vorbei (Ignoratio elenchi)Ein Argument begründet eine andere Schlussfolgerung als die strittige, wirkt aber so, als hätte es die eigentliche Frage beantwortet.
- Argumentum ad lapidemEine Behauptung wird als absurd, lächerlich oder indiskutabel abgetan, ohne zu begründen, warum sie falsch ist.
- AusweichenEine direkte Frage wird nicht beantwortet, sondern mit Allgemeinplätzen, Gegenfragen oder der Antwort auf eine andere Frage umschifft.
- Chewbacca-VerteidigungDurch absichtlich verwirrende, sinnlose oder zusammenhanglose Ausführungen wird das Publikum so durcheinandergebracht, dass es dem eigentlichen Argument nicht mehr folgt.
- Strohmann-ArgumentDie Position des Gegenübers wird verzerrt, überspitzt oder durch ihre schwächste Version ersetzt, und dann diese Karikatur statt der tatsächlichen Position widerlegt.
Gegenvorwurf und Vergleich
- Du-auch-Argument (Tu quoque)Eine Kritik oder Forderung wird zurückgewiesen, weil die kritisierende Person sich selbst nicht daran hält; ihr Verhalten widerlegt die Aussage aber nicht.
- Es gibt Schlimmeres (Relative Benachteiligung)Ein Problem wird abgetan, weil es anderswo größere Probleme gebe, obwohl das nichts daran ändert, ob das genannte Problem besteht und gelöst werden sollte.
- WhataboutismAuf eine Kritik wird mit dem Verweis auf Missstände anderswo („Und was ist mit …?“) geantwortet, ohne die Kritik selbst zu beantworten.
- Zwei Unrecht ergeben ein RechtEin falsches Verhalten wird gerechtfertigt, weil die andere Seite zuvor oder ebenfalls Unrecht getan hat, als ob sich Unrecht gegenseitig aufheben würde.
Annahmen und Belege
Unzulässige Annahmen
Zirkel und Widersprüche
- Falsche oder unbelegte PrämisseEin formal korrekter Schluss stützt sich auf eine Voraussetzung, die falsch, unbelegt oder stark umstritten ist und stillschweigend als gesichert gilt.
- KesselargumentFür dieselbe Position werden mehrere Begründungen angeführt, die einander widersprechen.
- Suggestivfrage mit falscher VoraussetzungEine Frage enthält eine unbewiesene oder strittige Voraussetzung, sodass jede direkte Antwort diese Voraussetzung anerkennt.
- Widersprüchliche PrämissenEin Argument stützt sich auf Behauptungen, die nicht gleichzeitig wahr sein können.
- ZirkelschlussDie zu beweisende Behauptung wird offen oder versteckt bereits als Prämisse vorausgesetzt.
- Zu viel beweisenEin Argument würde, konsequent angewandt, auch offensichtlich falsche oder vom Sprecher selbst abgelehnte Schlussfolgerungen begründen.
Falsche Alternativen
- Argument der goldenen MitteEin Mittelweg zwischen zwei Positionen wird allein deshalb für richtig gehalten, weil er in der Mitte liegt.
- Falsches DilemmaEs werden nur zwei (oder wenige) Optionen als einzig mögliche dargestellt, obwohl weitere Möglichkeiten bestehen.
- KontinuumsfehlschlussWeil sich keine exakte Grenze zwischen zwei Zuständen ziehen lässt, wird behauptet, es gebe gar keinen echten Unterschied zwischen ihnen.
- Nirwana-FehlschlussEine Maßnahme wird abgelehnt, weil sie das Problem nicht vollständig löst, statt sie mit realistischen Alternativen zu vergleichen.
- PaketfehlschlussDinge, die üblicherweise gemeinsam auftreten, werden als untrennbar behandelt, sodass man angeblich nur alle zusammen annehmen oder ablehnen kann.
Schiefe Übertragungen
- DivisionsfehlschlussWas für das Ganze oder eine Gruppe gilt, wird ohne Weiteres jedem einzelnen Teil oder Mitglied zugeschrieben.
- Falsche AnalogieAus der Ähnlichkeit zweier Dinge in einigen Punkten wird geschlossen, dass sie auch in einem weiteren, entscheidenden Punkt übereinstimmen, obwohl relevante Unterschiede bestehen.
- Falsche GleichsetzungZwei Dinge werden aufgrund einer oberflächlichen Gemeinsamkeit als gleichwertig behandelt, obwohl sie sich in wesentlichen Punkten unterscheiden.
- Fehlschluss des AkzidensEine allgemeine Regel wird starr auf einen Sonderfall angewendet, für den sie offensichtlich nicht gedacht ist.
- Kein wahrer SchotteEin Gegenbeispiel zu einer Allaussage wird abgewehrt, indem man die Gruppe nachträglich so umdefiniert, dass das Gegenbeispiel nicht mehr dazugehört.
- KompositionsfehlschlussWas für die einzelnen Teile gilt, wird ohne Weiteres auch dem Ganzen zugeschrieben.
- SonderplädoyerFür den eigenen Fall wird eine Ausnahme von einer allgemein vertretenen Regel beansprucht, ohne einen relevanten Unterschied zu begründen.
Wertung und Spekulation
- DammbruchargumentEin erster Schritt wird abgelehnt, weil er angeblich zwangsläufig eine Kette immer schlimmerer Folgen auslöst, ohne diese Kette zu belegen.
- HistorikerfehlschlussFrühere Entscheidungen werden so beurteilt, als hätten die Beteiligten damals schon gewusst, was man erst heute weiß.
- Kontrafaktische GewissheitEs wird mit Sicherheit behauptet, was geschehen wäre, wenn etwas in der Vergangenheit anders verlaufen wäre, ohne dass dies überprüfbar ist.
- Moralistischer FehlschlussAus einer moralischen Bewertung wird geschlossen, wie die Wirklichkeit beschaffen ist: Was nicht sein soll, kann angeblich auch nicht sein.
- Sein-Sollen-FehlschlussAus einer bloßen Tatsachenbeschreibung wird ohne zusätzliche Wertprämisse direkt eine Norm oder Forderung abgeleitet.
Schwache Belege
Beweislast
- Argument aus dem SchweigenAus dem Fehlen einer Äußerung, Erwähnung oder Reaktion wird ohne Weiteres geschlossen, dass jemand etwas nicht weiß, billigt oder dass etwas nicht geschehen ist.
- Argument aus UnwissenheitEine Behauptung gilt als wahr, weil ihr Gegenteil nicht bewiesen wurde, oder als falsch, weil sie selbst noch nicht bewiesen wurde.
- Beweis durch BehauptungEine Aussage wird ohne Begründung als feststehende Tatsache hingestellt oder einfach so oft wiederholt, bis sie als bewiesen gelten soll.
- BeweislastumkehrWer eine Behauptung aufstellt, verlangt vom Gegenüber, sie zu widerlegen, statt selbst Belege für die eigene Behauptung zu liefern.
Einzelfälle
- Anekdotischer BelegEine persönliche Geschichte oder Einzelerfahrung wird als Beweis gegen oder für eine Aussage verwendet, obwohl systematische Daten etwas anderes zeigen oder fehlen.
- Erdrückende AusnahmeEine Verallgemeinerung wird aufgestellt, aber mit so vielen Einschränkungen und Ausnahmen versehen, dass sie kaum noch etwas über die Gesamtheit aussagt.
- Träge InduktionEin durch viele, starke Belege gestützter Schluss wird abgelehnt, etwa als Zufall oder Einzelfall abgetan, ohne eine bessere Erklärung anzubieten.
- Übereilte VerallgemeinerungAus wenigen oder zufällig ausgewählten Einzelfällen wird eine allgemeine Aussage über eine ganze Gruppe, ein Land oder ein Politikfeld abgeleitet.
Einseitige Auswahl
- Aufgebauschter ExpertenstreitAus Meinungsverschiedenheiten unter Fachleuten über Details wird geschlossen, dass das ganze Fachgebiet nichts Gesichertes wisse oder alle Positionen gleich gut seien.
- Ausgewählter ZeitraumStart- oder Endpunkt einer Zeitreihe wird so gewählt, dass ein gewünschter Trend entsteht oder verschwindet, obwohl ein anderer Zeitraum ein anderes Bild zeigt.
- RosinenpickenNur die Daten, Studien oder Fakten werden genannt, die die eigene Position stützen; widersprechende, bekannte Belege werden weggelassen oder verschwiegen.
- Verzerrte StichprobeEin Schluss auf die Gesamtbevölkerung stützt sich auf eine Gruppe, die systematisch anders zusammengesetzt ist als die Gesamtheit, über die geurteilt wird.
Ursache und Wirkung
- Danach, also deswegenWeil ein Ereignis zeitlich nach einem anderen eintrat, wird ohne weiteren Beleg angenommen, das frühere Ereignis habe das spätere verursacht.
- Korrelation ist nicht KausalitätAus dem gemeinsamen Auftreten oder statistischen Zusammenhang zweier Größen wird ohne weitere Prüfung geschlossen, dass die eine die andere verursacht.
- Monokausale ErklärungEin Ergebnis mit vielen zusammenwirkenden Ursachen wird auf eine einzige Ursache zurückgeführt, meist auf die, die zur eigenen Position passt.
- Übersehene gemeinsame UrsacheZwei Größen werden als Ursache und Wirkung gedeutet, obwohl beide von einem dritten Faktor abhängen, der den Zusammenhang erklärt.
- Umgekehrte KausalitätBei einem Zusammenhang zweier Größen wird eine Wirkrichtung behauptet, obwohl ebenso gut oder eher die Wirkung die Ursache beeinflusst.
Statistik und Zahlen
Zahlen darstellen
Prozente und Risiken
- BasiseffektEine hohe oder niedrige prozentuale Veränderung wird als bedeutsam gedeutet, obwohl sie vor allem auf eine ungewöhnlich niedrige oder hohe Ausgangsbasis zurückgeht.
- Fehlende BezugsgrößeAbsolute Zahlen werden verglichen, ohne sie auf eine passende Bezugsgröße wie Einwohnerzahl, Fahrleistung oder Gesamtmenge umzurechnen.
- GeldillusionGeldbeträge aus verschiedenen Jahren werden nominal verglichen, ohne Inflation oder Wirtschaftswachstum zu berücksichtigen, sodass Zuwächse oder Rekorde verzerrt erscheinen.
- Prozent und Prozentpunkte verwechseltDie Differenz zweier Prozentwerte wird als prozentuale Veränderung ausgegeben oder umgekehrt, wodurch die Veränderung zu groß oder zu klein erscheint.
- Relatives statt absolutes RisikoEine relative Veränderung („doppelt so hoch“, „minus 50 Prozent“) wird ohne die absoluten Zahlen genannt, sodass kleine Effekte dramatisch oder große harmlos erscheinen.
Vergleiche und Durchschnitte
- DoppelzählungDerselbe Betrag, Effekt oder Fall wird in einer Rechnung mehrfach gezählt, wodurch Kosten, Nutzen oder Fallzahlen künstlich aufgebläht werden.
- Irreführender DurchschnittEin Durchschnittswert wird so verwendet, dass er die typische Situation falsch wiedergibt, etwa das arithmetische Mittel bei stark ungleich verteilten Werten.
- Simpson-Paradoxon übersehenEin Gesamtergebnis wird gedeutet, ohne zu beachten, dass sich der Zusammenhang umkehrt, sobald man die Daten nach einer wichtigen Untergruppe aufschlüsselt.
- Uneinheitlicher VergleichZahlen werden verglichen, die unterschiedlich definiert, erhoben oder abgegrenzt sind, oder es werden je nach Kennzahl andere Vergleichspartner gewählt.
- Unvollständiger VergleichEs wird behauptet, etwas sei besser, höher, billiger oder sicherer, ohne anzugeben, womit verglichen wird, sodass die Aussage nicht überprüfbar ist.
- Will-Rogers-PhänomenEine Verbesserung beider Gruppendurchschnitte wird als echter Fortschritt verkauft, obwohl sie nur daraus entsteht, dass Fälle von einer Gruppe in die andere verschoben wurden.
Trends und Grafiken
- Irreführende GrafikEine Grafik verzerrt durch abgeschnittene oder ungleichmäßige Achsen, unpassende Flächen oder fehlende Beschriftung die Größe von Unterschieden oder Veränderungen.
- ScheingenauigkeitZahlen werden mit mehr Nachkommastellen oder Exaktheit angegeben, als die zugrunde liegenden Daten oder Schätzungen hergeben, und wirken dadurch verlässlicher, als sie sind.
- Unterschätzung exponentiellen WachstumsEine Größe, die um einen festen Prozentsatz wächst, wird gedanklich linear fortgeschrieben, wodurch ihre künftige Höhe deutlich unterschätzt wird.
- Unzulässige ExtrapolationEin kurzfristiger oder lokaler Trend wird ohne Begründung weit über den beobachteten Bereich hinaus fortgeschrieben, als würde er unverändert weitergehen.
Daten und Stichproben
Stichproben
- Gesetz der kleinen ZahlenErgebnisse aus sehr kleinen Fallzahlen oder Gruppen werden für ebenso verlässlich gehalten wie aus großen, obwohl kleine Zahlen viel stärker zufällig schwanken.
- Ökologischer FehlschlussAus Durchschnitts- oder Gesamtdaten einer Region oder Gruppe wird auf das Verhalten oder die Eigenschaften einzelner Mitglieder dieser Gruppe geschlossen.
- Schwankungsbreite ignoriertUnterschiede oder Veränderungen in Umfragen und Stichproben werden gedeutet, obwohl sie innerhalb der statistischen Schwankungsbreite liegen und auch Zufall sein können.
- SelbstselektionErgebnisse einer Erhebung, an der Menschen freiwillig teilnehmen, werden als repräsentativ dargestellt, obwohl vor allem stark Interessierte oder Betroffene mitmachen.
- Überlebenden-VerzerrungSchlüsse werden nur aus den Fällen gezogen, die einen Auswahlprozess überstanden haben, während gescheiterte oder ausgeschiedene Fälle unsichtbar bleiben.
Scheinbare Muster
- DatenfischenAus vielen durchsuchten Variablen, Untergruppen oder Auswertungsvarianten wird nur der eine „signifikante“ Zusammenhang berichtet, der bei so vielen Versuchen zufällig erwartbar war.
- McNamara-FehlschlussNur leicht messbare Größen werden zur Beurteilung herangezogen, während schwer messbare, aber wichtige Faktoren als unwichtig oder nicht existent behandelt werden.
- Signifikant heißt nicht bedeutsamEin „statistisch signifikantes“ Ergebnis wird als großer oder wichtiger Effekt dargestellt, oder ein nicht signifikantes Ergebnis als Beweis, dass es keinen Effekt gibt.
- Texanischer ScharfschützeIn zufällig verteilten Daten wird nachträglich ein auffälliges Muster oder eine Häufung herausgegriffen und als Beleg für eine Ursache gedeutet.
Zufall und Wahrscheinlichkeit
- BasisratenfehlerDie allgemeine Häufigkeit eines Merkmals in der Gesamtbevölkerung wird ignoriert, sodass spezifische Informationen wie Testergebnisse oder Anteile falsch gedeutet werden.
- Fehlschluss des AnklägersDie Wahrscheinlichkeit eines Befunds unter einer Annahme wird mit der Wahrscheinlichkeit der Annahme angesichts des Befunds verwechselt.
- Glückssträhnen-FehlschlussAus einer zufälligen Serie von Erfolgen wird geschlossen, die Erfolgsserie werde sich wegen einer besonderen „Form“ oder Gesetzmäßigkeit fortsetzen.
- Irreführende AnschaulichkeitEin besonders dramatisches, anschauliches oder medienpräsentes Ereignis wird als Maßstab für die Häufigkeit oder Gefährlichkeit eines Phänomens genommen.
- RegressionsfehlschlussDie natürliche Rückkehr extremer Werte zum Durchschnitt wird fälschlich einer Maßnahme zugeschrieben, die gerade wegen des extremen Werts ergriffen wurde.
- SpielerfehlschlussBei voneinander unabhängigen Zufallsereignissen wird angenommen, ein Ergebnis werde wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher, weil es länger nicht oder gehäuft eingetreten ist.
Sprachliche Fehler
Mehrdeutigkeit
- AkzentfehlschlussDurch veränderte Betonung, Hervorhebung oder Formatierung erhält eine Aussage eine Bedeutung, die ursprünglich nicht gemeint war.
- AmphibolieEin Satz ist wegen seines Satzbaus mehrdeutig, und das Argument nutzt eine Lesart, die nicht gemeint oder nicht belegt ist.
- ÄquivokationEin Wort wird innerhalb eines Arguments in zwei verschiedenen Bedeutungen verwendet, sodass der Schluss nur scheinbar gültig ist.
Begriffe und Definitionen
- DefinitionsfehlschlussEin Begriff wird ohne Begründung mit einem anderen gleichgesetzt, um ihm dessen Bewertung zu übertragen oder eine Streitfrage per Definition zu entscheiden.
- Etymologischer FehlschlussDie heutige Bedeutung eines Wortes wird aus seiner Herkunft abgeleitet, als wäre die ursprüngliche Bedeutung die einzig richtige.
- Persuasive DefinitionEin Begriff wird so definiert, dass die eigene Position bereits in der Definition steckt und der Streit dadurch scheinbar entschieden ist.
- ReifikationEin abstrakter Begriff wie „der Markt“, „die Gesellschaft“ oder „das Volk“ wird wie ein handelndes Wesen mit eigenem Willen behandelt.
- Unterdrückter GegenbegriffEin Begriff wird so weit gefasst, dass sein Gegenbegriff nichts mehr bezeichnet, wodurch die Unterscheidung sinnlos wird.
Wertende Sprache
- Distanzierungs-AnführungszeichenEin Begriff wird in spöttische Anführungszeichen oder ein abwertendes „sogenannt“ gesetzt, um ihn in Zweifel zu ziehen, ohne Gründe zu nennen.
- EuphemismusEin beschönigender Ausdruck verschleiert, was tatsächlich gemeint ist, damit eine unangenehme Sache harmloser oder positiver erscheint.
- Unterstellung durch AndeutungEine Behauptung wird nicht ausgesprochen, sondern durch Andeutung, rhetorische Frage oder auffälliges Schweigen nahegelegt, um sich der Beweispflicht zu entziehen.
- Wertgeladene SpracheStatt neutraler Begriffe werden emotional oder wertend aufgeladene Wörter verwendet, die eine Bewertung vorwegnehmen, ohne sie zu begründen.
- WieselwörterVage Formulierungen wie „Experten sagen“, „viele meinen“ oder „bis zu“ erwecken den Eindruck einer klaren Aussage, die sich aber nicht überprüfen lässt.
Diskussionstechniken
Schopenhauers Kunstgriffe
Behauptung verdrehen
- Kunstgriff 1: Die ErweiterungDie Aussage des Gegenübers wird über ihre Grenzen hinaus verallgemeinert und zugespitzt, damit sie leichter widerlegt werden kann.
- Kunstgriff 12: Das günstige Gleichnis wählenDurch gezielte Wortwahl wird die eigene Sicht schon im Begriff vorweggenommen, sodass die Bezeichnung selbst die Bewertung transportiert.
- Kunstgriff 17: Die feine UnterscheidungWer durch einen Gegenbeweis bedrängt wird, rettet sich mit einer spitzfindigen, vorher nicht gemachten Unterscheidung.
- Kunstgriff 19: Ins Allgemeine ausweichenWird man zu einem konkreten Punkt um Gegenargumente gebeten und hat keine, weicht man ins Allgemeine aus und kritisiert dieses.
- Kunstgriff 2: Die HomonymieEin Wort wird stillschweigend in einer anderen Bedeutung verwendet als vom Gegenüber gemeint, um dessen Aussage scheinbar zu widerlegen.
- Kunstgriff 23: Zur Übertreibung reizenDurch ständigen Widerspruch wird das Gegenüber gereizt, seine Aussage zu übertreiben, worauf man die Übertreibung widerlegt und so die ursprüngliche These erledigt.
- Kunstgriff 24: Die KonsequenzmachereiAus der Aussage des Gegenübers werden durch Verdrehung absurde oder gefährliche Folgerungen abgeleitet, die es nie gemeint hat.
- Kunstgriff 3: Relatives absolut nehmenEine bedingt oder in bestimmter Hinsicht gemeinte Aussage wird so behandelt, als sei sie uneingeschränkt und allgemein gemeint.
- Kunstgriff 32: Unter eine verhasste Kategorie bringenDie Aussage des Gegenübers wird einer verhassten Kategorie oder Gruppe zugeordnet und dadurch abgewertet, ohne sie inhaltlich zu prüfen.
Fragen und Zugeständnisse
- Kunstgriff 10: Das Gegenteil erfragenWer merkt, dass das Gegenüber absichtlich verneint, fragt nach dem Gegenteil des Gewünschten, um so die gewünschte Antwort zu erhalten.
- Kunstgriff 11: Das Allgemeine als zugestanden einführenNach Zustimmung zu einzelnen Fällen wird die allgemeine Regel nicht erfragt, sondern einfach als bereits zugestanden behauptet.
- Kunstgriff 13: Das grelle Gegenteil anbietenNeben die eigene These wird ein absurdes Gegenteil gestellt, sodass das Gegenüber zur eigenen Position greift, um nicht paradox zu wirken.
- Kunstgriff 15: Der verfängliche ScheinsatzMan legt einen plausiblen, aber nicht ganz zutreffenden Satz zur Annahme vor: Lehnt das Gegenüber ab, wird es lächerlich gemacht, stimmt es zu, gilt das als Erfolg.
- Kunstgriff 20: Den Schluss selbst ziehenAus zugestandenen Voraussetzungen wird der gewünschte Schluss gezogen, ohne das Gegenüber zu fragen, und fehlende Prämissen werden stillschweigend ergänzt.
- Kunstgriff 4: Die Prämissen verdeckt einholenMan lässt sich einzelne Voraussetzungen scheinbar beiläufig zugestehen, ohne das Ziel zu verraten, und präsentiert erst am Ende die gewünschte Schlussfolgerung.
- Kunstgriff 5: Beweis aus falschen VordersätzenMan stützt die eigene These bewusst auf Annahmen, die man selbst für falsch hält, die das Gegenüber aber akzeptiert.
- Kunstgriff 6: Die versteckte petitio principiiDas zu Beweisende wird in anderer Formulierung oder als Teil einer allgemeineren Aussage bereits als Voraussetzung eingeschmuggelt.
- Kunstgriff 7: Viel auf einmal fragenMan stellt viele Fragen auf einmal und weitläufig, damit das Gegenüber den Überblick verliert und Wesentliches unbemerkt zugesteht.
- Kunstgriff 9: Fragen in veränderter OrdnungFragen werden in einer anderen Reihenfolge gestellt, als der Schluss sie erfordert, damit das Gegenüber das Ziel nicht erkennt.
Gegenangriff aufs Argument
- Kunstgriff 16: Argumenta ad hominem oder ex concessisStatt die These zu prüfen, wird nach Widersprüchen zu früheren Aussagen, zur Partei oder zum Verhalten des Gegenübers gesucht.
- Kunstgriff 21: Scheinargument mit Scheinargument beantwortenEin durchschautes Scheinargument wird nicht offengelegt, sondern mit einem ebenso unsachlichen Gegenargument erwidert.
- Kunstgriff 22: Zirkelschluss vorwerfenEin berechtigtes Zugeständnis wird verweigert, indem man es fälschlich als Zirkelschluss bezeichnet, weil sich daraus die Gegenthese ergäbe.
- Kunstgriff 25: Die Instanz (das Gegenbeispiel)Ein einzelnes, oft zweifelhaftes Gegenbeispiel wird angeführt, um eine allgemeine Aussage für vollständig widerlegt zu erklären.
- Kunstgriff 26: Die Umkehrung des ArgumentsDas Argument des Gegenübers wird umgedreht und gegen es selbst gewendet, oft durch geschickte Umdeutung statt durch echte Prüfung.
- Kunstgriff 33: In der Theorie richtig, in der Praxis falschMan räumt die Gründe pauschal ein, bestreitet aber ohne Begründung die praktische Anwendbarkeit der Schlussfolgerung.
- Kunstgriff 37: Den schlechten Beweis widerlegenHat das Gegenüber eine richtige These schlecht begründet, wird der schwache Beweis widerlegt und dies als Widerlegung der These selbst ausgegeben.
Ablenken und bluffen
- Kunstgriff 14: Triumph ausrufenObwohl das Gegenüber nichts Entscheidendes zugestanden hat, wird der gewünschte Schluss als bewiesen verkündet und Triumph ausgerufen.
- Kunstgriff 18: Den Gang unterbrechenMerkt man, dass das Gegenüber auf ein überzeugendes Argument zusteuert, unterbricht oder lenkt man ab, bevor es zu Ende geführt wird.
- Kunstgriff 29: Die DiversionWer merkt, dass er verliert, wechselt plötzlich zu einem anderen Thema und tut so, als gehöre es zur Sache.
- Kunstgriff 36: Durch Wortschwall verblüffenDas Gegenüber wird mit sinnlosem, gelehrt klingendem Wortschwall verblüfft, damit es aus Scheu vor eigener Unwissenheit nicht widerspricht.
Druck und Persönliches
- Kunstgriff 27: Auf dem wunden Punkt beharrenReagiert das Gegenüber bei einem Argument unerwartet gereizt, wird gerade dieses Argument immer weiter forciert, unabhängig von seinem Gehalt.
- Kunstgriff 34: Beim Ausweichen nachsetzenWeicht das Gegenüber einer Frage aus, wird gerade diese Stelle unablässig bedrängt, weil man dort eine Schwäche vermutet.
- Kunstgriff 35: Auf den Willen statt auf den Verstand wirkenStatt mit Gründen zu überzeugen, zeigt man dem Gegenüber oder dem Publikum, dass dessen Interessen durch die gegnerische Ansicht leiden würden.
- Kunstgriff 38: Persönlich werdenWer sachlich unterlegen ist, wird persönlich, beleidigend und grob und greift die Person statt ihrer Argumente an.
- Kunstgriff 8: Den Gegner zum Zorn reizenDas Gegenüber wird absichtlich provoziert und gereizt, damit es im Ärger unüberlegt argumentiert und Fehler macht.
Autorität und Publikum
- Kunstgriff 28: Argumentum ad auditoresMan bringt einen ungültigen, aber für das Publikum einleuchtenden oder witzigen Einwand vor, dessen Fehler nur Fachkundige erkennen.
- Kunstgriff 30: Argumentum ad verecundiamStatt Gründe zu liefern, beruft man sich auf Autoritäten oder angebliche Mehrheitsmeinungen, oft verfälscht oder fachfremd.
- Kunstgriff 31: Ironische InkompetenzerklärungMan erklärt ironisch, das Argument des Gegenübers nicht zu verstehen, um es als unverständlich oder unsinnig hinzustellen.
Moderne Diskussionstaktiken
Überfluten und Zermürben
- Argument durch WiederholungEine Behauptung wird so oft wiederholt, bis sie vertraut und dadurch glaubwürdig wirkt oder das Gegenüber erschöpft aufgibt.
- ErbsenzählereiEin nebensächlicher Fehler oder eine ungenaue Formulierung wird aufgegriffen, um das gesamte Argument abzuwerten, ohne auf dessen Kern einzugehen.
- Gish-GaloppEine Flut vieler, oft schwacher oder falscher Behauptungen in kurzer Zeit, sodass das Gegenüber unmöglich alle widerlegen kann.
- Ich frag ja nurEine Behauptung wird als scheinbar harmlose Frage verpackt, um sie zu verbreiten, ohne Verantwortung oder Beweislast für sie zu übernehmen.
- Lügen-FeuerwehrschlauchMassenhafte, schnelle und widersprüchliche Falschbehauptungen über viele Kanäle, die nicht überzeugen, sondern Orientierung und Vertrauen zerstören sollen.
- MeutenangriffViele Personen stürzen sich gleichzeitig auf eine einzelne Person oder Aussage, sodass diese überwältigt wird und nicht mehr sinnvoll antworten kann.
- SealioningHartnäckiges, scheinbar höfliches Einfordern von Belegen und Erklärungen, um das Gegenüber zu ermüden statt ernsthaft zu diskutieren.
Ausweichen und Blockieren
- Beide-Seiten-AusweichenKonkrete Kritik wird mit dem Hinweis abgewehrt, alle Seiten seien gleich schlimm, sodass der einzelne Fall nicht mehr bewertet werden muss.
- MauernBerechtigte Fragen werden konsequent ignoriert, mit Leerformeln beantwortet oder abgeblockt, um sich jeder inhaltlichen Festlegung zu entziehen.
- ScheinentschuldigungEine Entschuldigung, die das eigene Fehlverhalten nicht anerkennt, sondern die Verantwortung auf die Gefühle oder Missverständnisse der anderen verschiebt.
- ThemenentgleisungEine Diskussion wird gezielt auf ein anderes, oft eigenes Lieblingsthema umgelenkt, sodass das ursprüngliche Thema nicht mehr besprochen wird.
- Tonfall-PolizeiStatt auf den Inhalt einzugehen, wird nur der Ton oder die Emotionalität einer Aussage kritisiert, um sie damit abzuwerten.
- TotschlagargumentEine griffige Floskel, die eine Diskussion beendet, statt ein Argument zu liefern, etwa „Das war schon immer so“ oder „Das ist halt Politik“.
Verzerren und Verschieben
- Motte-und-Vorhof-TaktikEine gewagte Behauptung wird vertreten, bei Kritik aber durch eine harmlose, kaum bestreitbare Version ersetzt – danach kehrt man zur gewagten zurück.
- SalamitaktikEin umstrittenes Ziel wird in viele kleine, einzeln harmlos wirkende Schritte zerlegt, sodass der Gesamtzusammenhang verborgen bleibt.
- SpinnerauswahlDie extremsten oder absurdesten Vertreter einer Gruppe werden herausgegriffen und als typisch dargestellt, um die ganze Gruppe zu diskreditieren.
- Torpfosten verschiebenNachdem ein geforderter Beleg erbracht wurde, werden die Anforderungen nachträglich verschärft oder verändert, sodass die Gegenposition nie gewinnen kann.
- Zitat aus dem ZusammenhangEin Zitat wird so gekürzt oder aus seinem Zusammenhang gelöst, dass es eine Bedeutung erhält, die der Urheber nicht gemeint hat.
Unterstellen und Manipulieren
- Besorgnis-TrollingMan gibt vor, ein Anliegen eigentlich zu teilen und nur besorgt zu sein, um es in Wahrheit zu schwächen oder Zweifel zu säen.
- Falsche BescheidenheitMan stellt sich betont unwissend oder bescheiden dar, um anschließend eine starke Behauptung ohne Begründungspflicht unterzubringen oder Kritik zu entgehen.
- GaslightingBelegbare Tatsachen oder eigene frühere Aussagen werden dreist geleugnet, damit das Gegenüber an seiner Wahrnehmung oder seinem Gedächtnis zweifelt.
- GedankenlesenMan behauptet zu wissen, was das Gegenüber „eigentlich“ denkt oder vorhat, und argumentiert gegen diese unterstellte statt gegen die geäußerte Meinung.
- Instrumentalisierte KränkungMan erklärt sich beleidigt oder verletzt, um Kritik abzuwehren und die Diskussion auf das eigene Gefühl statt auf die Sache zu lenken.
- Kafka-FalleJeder Widerspruch gegen einen Vorwurf wird selbst als Beweis für dessen Richtigkeit gewertet, sodass Entlastung unmöglich wird.
- ProjektionMan wirft dem Gegenüber genau das Verhalten vor, das man selbst an den Tag legt, oft um dem erwarteten Vorwurf zuvorzukommen.
- ProvozierenGezielte Provokationen sollen das Gegenüber zu einer heftigen Reaktion verleiten, die dann vorgeführt wird, statt die Sachfrage zu klären.
Codes und Framing
- Beschönigendes FramingWertende oder beschönigende Begriffe lenken die Wahrnehmung eines Sachverhalts in eine gewünschte Richtung, bevor überhaupt argumentiert wird.
- HundepfeifeCodewörter oder Anspielungen, die für die Allgemeinheit harmlos klingen, einer bestimmten Zielgruppe aber eine verdeckte, oft abwertende Botschaft senden.
- Overton-Fenster verschiebenDurch bewusst extreme Forderungen soll der Rahmen des Sagbaren verschoben werden, damit früher radikale Positionen später als gemäßigt erscheinen.
- Rückzug auf IronieEine Aussage gilt je nach Reaktion als ernst gemeint oder als Witz: Bei Zustimmung war sie ernst, bei Kritik „nur Spaß“.
Desinformationsmuster
Scheinexperten
- AstroturfingOrganisierte, oft bezahlte Kampagnen täuschen spontane Bürgermeinung vor, etwa durch Bots, gekaufte Kommentare oder Tarnorganisationen.
- Aufgeblähte MinderheitEinzelne abweichende Fachleute werden so stark hervorgehoben, dass der Eindruck entsteht, eine breit gestützte wissenschaftliche Erkenntnis sei ernsthaft umstritten.
- Falsche AusgewogenheitEine gut belegte Position und eine kaum gestützte Außenseitermeinung werden als gleichwertige Seiten einer offenen Debatte präsentiert.
- ScheinexpertenPersonen ohne einschlägige Fachkompetenz werden als Experten präsentiert, um den Eindruck zu erwecken, die Wissenschaft sei gespalten oder widerspreche dem Stand der Forschung.
- SockenpuppenEine Person nutzt mehrere Accounts, um sich selbst zuzustimmen, Mehrheiten vorzutäuschen oder Sperren zu umgehen.
Unerfüllbare Erwartungen
- Gezielt gestreuter ZweifelDurch systematisches Betonen von Unsicherheiten soll der Eindruck entstehen, eine Frage sei ungeklärt, um Regulierung oder Handeln hinauszuzögern.
- Recherchier selbstStatt Belege für eine Behauptung zu liefern, wird das Gegenüber aufgefordert, selbst zu recherchieren, wobei die Beweislast unbemerkt verschoben wird.
- Unerfüllbare ErwartungenEs wird ein unrealistisch hoher Grad an Gewissheit oder Beweis verlangt, sodass jede wissenschaftliche Erkenntnis als unbewiesen abgetan werden kann.
Verzerrte Belege
- Gefälschte BelegeErfundene Zitate, manipulierte Bilder, KI-generierte Videos oder echte Aufnahmen aus falschem Zusammenhang werden als Beweis für eine Behauptung präsentiert.
- Verfälschter KonsensMan behauptet ohne Beleg, die Mehrheit, „alle Experten“ oder „das Volk“ stünden hinter der eigenen Position, oder leugnet einen tatsächlich bestehenden Konsens.
- Verzerrte Wiedergabe von ForschungStudienergebnisse werden übertrieben, falsch verallgemeinert oder ins Gegenteil verkehrt, etwa durch Verwechseln von Korrelation und Ursache oder Ignorieren von Einschränkungen.
Verschwörungsdenken
- Immun gegen BelegeJeder Gegenbeweis wird als Teil der Täuschung umgedeutet, sodass die Überzeugung durch keinerlei Belege mehr erschüttert werden kann.
- Irgendwas stimmt da nichtSelbst wenn einzelne Verdachtsmomente widerlegt sind, bleibt die Überzeugung bestehen, dass grundsätzlich etwas faul sein muss, und neue Verdachtsgründe werden gesucht.
- Übersteigertes MisstrauenAlle Informationen aus etablierten Quellen werden grundsätzlich abgelehnt, während Behauptungen, die zur eigenen Sicht passen, ungeprüft übernommen werden.
- Unterstellte böse AbsichtHinter jeder Erkenntnis oder Maßnahme wird automatisch eine finstere Absicht der Beteiligten vermutet, ohne dafür Belege zu brauchen.
- Verfolgtes OpferMan stellt sich als mutigen, unterdrückten Wahrheitsverkünder dar, sodass Widerspruch und Kritik als Beleg für die Richtigkeit der eigenen Position erscheinen.
- VerschwörungsdenkenEreignisse oder wissenschaftliche Befunde werden durch eine geheime, böswillige Absprache mächtiger Gruppen erklärt, statt durch die verfügbaren Belege.
- Widersprüchliche AnnahmenMan vertritt gleichzeitig mehrere einander ausschließende Erklärungen, weil sie alle der offiziellen Darstellung widersprechen.
- Zufall als Zeichen deutenZufällige Ereignisse, Zahlenspiele oder zeitliche Zusammenfälle werden als gezielte Hinweise auf einen geheimen Plan gedeutet.
Gute Argumentation
Belege und Genauigkeit
- Angemessene BehauptungenDie Stärke einer Aussage entspricht der Stärke der Belege: keine Pauschalurteile, keine Übertreibungen, sondern präzise Formulierungen.
- Fakt und Meinung trennenEs wird klar unterschieden, was eine überprüfbare Tatsache ist und was eine persönliche Bewertung, Vermutung oder Wertentscheidung.
- Quellen angebenTatsachenbehauptungen werden mit nachprüfbaren, möglichst seriösen Quellen belegt, die andere selbst einsehen können.
- Überprüfbare AussagenBehauptungen werden so formuliert, dass sie anhand von Daten oder Ereignissen überprüft werden können, und man sagt, was sie widerlegen würde.
- Unsicherheit eingestehenMan benennt offen, wo das eigene Wissen endet, wie sicher eine Aussage ist und welche Fragen noch offen sind.
- Zahlen mit KontextKonkrete Zahlen und Belege werden eingeordnet, etwa durch Bezugsgrößen, Vergleichswerte, Zeiträume oder Angaben zur Unsicherheit.
Fair zur Gegenseite
- Auf Gegenargumente eingehenMan setzt sich aktiv mit dem gewichtigsten Einwand gegen die eigene Position auseinander, statt nur leicht widerlegbare Kritik zu behandeln.
- Berechtigte Punkte anerkennenZutreffende Argumente der Gegenseite werden ausdrücklich anerkannt, auch wenn man insgesamt bei der eigenen Position bleibt.
- Gemeinsamkeiten benennenMan sucht und benennt Ziele, Werte oder Fakten, auf die sich beide Seiten einigen können, um den eigentlichen Streitpunkt einzugrenzen.
- Person und Argument trennenEin Argument wird nach seinem Inhalt beurteilt, unabhängig davon, wer es vorbringt, welcher Partei die Person nahesteht oder wie sie sich sonst verhält.
- Respektvoller WiderspruchMan widerspricht klar in der Sache, bleibt dabei aber höflich und gesteht dem Gegenüber gute Absichten zu.
- Stahlmann-ArgumentDie Position der Gegenseite wird in ihrer stärksten, fairsten Form wiedergegeben, bevor man sich kritisch mit ihr auseinandersetzt.
- Verständnisfragen stellenBevor man widerspricht, fragt man ehrlich nach oder fasst die Aussage des Gegenübers zusammen, um sicherzugehen, dass man sie richtig verstanden hat.
Klar und ehrlich argumentieren
- Annahmen offenlegenDie Voraussetzungen und Werte, auf denen eine Argumentation beruht, werden ausdrücklich genannt, statt stillschweigend vorausgesetzt.
- Begriffe klärenZentrale, mehrdeutige Begriffe werden erklärt oder gemeinsam geklärt, damit alle Beteiligten über dasselbe sprechen.
- Beim Thema bleibenBeiträge beziehen sich auf die eigentliche Frage der Diskussion und vermeiden Abschweifungen auf andere Streitthemen.
- Eigene Interessen offenlegenMan macht transparent, wenn man von einem Thema persönlich, beruflich oder finanziell betroffen ist oder einer beteiligten Organisation nahesteht.
- Gründe nennenEine Position wird nicht nur behauptet, sondern mit nachvollziehbaren Gründen gestützt, sodass andere die Argumentation prüfen können.
- SelbstkorrekturMan räumt eigene Fehler offen ein und korrigiert Aussagen oder Positionen, wenn bessere Argumente oder Belege vorliegen.