Fehlschluss·Schwere 2/3
Zweierlei Maß bei Belegen (Selektive Skepsis)
Unwillkommene Belege werden mit Ansprüchen an Strenge geprüft, die man an willkommene nicht anlegt – der Maßstab hängt vom Ergebnis ab, nicht von der Qualität; kein Fehler ist gleich strenge Kritik an allen Belegen.
Bei der selektiven Skepsis entscheidet das Ergebnis darüber, wie kritisch eine Quelle geprüft wird. Die Studie, die der eigenen Position widerspricht, ist „gekauft“, „zu klein“, „methodisch fragwürdig“ oder „nur eine Modellrechnung“; die Studie, die passt, wird ungeprüft geteilt – auch wenn sie dieselben Schwächen hat. Im Englischen spricht man von einer „isolated demand for rigor“, einer Forderung nach Strenge, die nur an einer Stelle erhoben wird.
Jede einzelne Kritik kann berechtigt sein; fehlerhaft ist der wechselnde Maßstab. Wer Finanzierung, Stichprobengröße oder Methode nur bei unwillkommenen Befunden prüft, filtert die Beweislage systematisch in eine Richtung, bis nur Bestätigendes übrig bleibt. So lässt sich jede Überzeugung gegen jeden Gegenbeleg abschirmen, während man sich für besonders kritisch hält.
Psychologisch ist das gut belegt: Menschen prüfen Argumente gegen ihre Überzeugung länger und strenger als Argumente dafür. Der Fehler kommt in allen Lagern vor und ist in parteiischen Debatten vermutlich der häufigste Umgang mit Belegen. Gerade weil er wie Gründlichkeit aussieht, wird er selten bemerkt.
Muster
Woran man es erkennt
- „Wer hat die Studie bezahlt?“ – nur bei unwillkommenen Ergebnissen
- „Das ist ja nur eine Umfrage“, während die eigene Quelle ebenfalls eine ist
- Dieselbe Organisation gilt einmal als seriös, einmal als parteiisch
- Strenge Methodenkritik richtet sich nur gegen eine Seite des Threads
- „Studien kann man so oder so drehen“ – erst, nachdem eine Studie widerspricht
Beispiele
Ein Mitglied teilt die Umfrage eines wirtschaftsnahen Instituts unter 500 Eltern, wonach die Mehrheit die verpflichtende Ganztagsschule ablehnt: „Klarer Beleg.“ Als jemand eine größere Umfrage einer Arbeitnehmervertretung mit gegenteiligem Ergebnis verlinkt: „Gekaufte Umfrage einer Interessenvertretung, die nehm ich nicht ernst.“
Der Einwand – die Umfrage stammt von einer Interessenvertretung – trifft auf die eigene Quelle genauso zu. Er wird nur dort erhoben, wo das Ergebnis nicht passt.
Besser: „Beide Umfragen kommen von Interessenvertretungen und widersprechen sich. Weiß jemand, ob es eine unabhängige Erhebung gibt, und wie die Fragen formuliert waren?“
Die Opposition legt eine Befragung von 300 Patient:innen vor, wonach Knieoperationen im Schnitt neun Monate auf sich warten lassen. Die Gesundheitslandesrätin: „300 Befragte, nicht repräsentativ – damit kann man nichts anfangen.“ Im selben Redebeitrag führt sie die hauseigene Zufriedenheitsbefragung mit 250 Teilnehmenden als Beleg an, dass die Versorgung bestens funktioniert.
Die Kritik an der kleinen, nicht repräsentativen Stichprobe ist berechtigt – sie gilt aber für die eigene, noch kleinere Befragung ebenso. Der Maßstab wechselt mit dem Ergebnis.
Besser: „Beide Befragungen sind klein und nicht repräsentativ. Wir lassen die tatsächlichen Wartezeiten aus den OP-Listen auswerten und legen sie dem Ausschuss vor.“
Kein Fehlschluss, wenn …
Kein Fehler ist Kritik an einer Studie, die man an jede vergleichbare Studie ebenso anlegen würde – Finanzierung, Stichprobe und Methode zu prüfen, ist gute Quellenkritik. Legitim ist auch, an Behauptungen, die dem gesicherten Wissensstand widersprechen, höhere Anforderungen zu stellen als an Befunde, die ihn bestätigen: Das hängt dann am Wissensstand, nicht an der eigenen Vorliebe. Prüffrage: Würde ich denselben Einwand erheben, wenn das Ergebnis umgekehrt wäre?
So reagierst du
Schlag einen gemeinsamen Maßstab vor, statt Doppelmoral vorzuwerfen: „Der Einwand mit der Finanzierung ist berechtigt – gilt er dann auch für die Umfrage weiter oben?“ Legen beide Seiten dieselben Kriterien an, lässt sich meist sachlich klären, welcher Beleg mehr trägt.
So vermeidest du es
Mach den Umkehrtest: Hätte die Studie das Ergebnis, das du dir wünschst – würdest du sie genauso streng prüfen? Leg dir feste Fragen zurecht (Wer hat finanziert? Wie groß und wie ausgewählt ist die Stichprobe? Wie wurde gemessen?) und stell sie jeder Quelle, auch deiner eigenen.
Herkunft
Charles Taber und Milton Lodge zeigten 2006 in Experimenten, dass Versuchspersonen Argumente gegen ihre politische Überzeugung länger prüften und häufiger zurückwiesen als zustimmende, und nannten das „motivated skepticism“. Der Ausdruck „isolated demand for rigor“ stammt aus der englischsprachigen Online-Diskussion; dahinter steht die alte Regel, an alle Belege gleiche Maßstäbe anzulegen.