Englisch: Applying consistent standards · auch: Kein zweierlei Maß, Keine Doppelmoral, Seitenwechsel-Test, Konsistenzprüfung, Consistent standards
Man misst die eigene Seite mit denselben Regeln, Beweisanforderungen und moralischen Urteilen wie die Gegenseite; Prüffrage: Würde ich dieses Argument akzeptieren, wenn die andere Seite es vorbrächte?
Gleiche Maßstäbe anlegen heißt: Was man der Gegenseite vorwirft, wirft man auch der eigenen vor; welche Belege man von ihr verlangt, verlangt man auch von den eigenen Quellen; was bei ihr ein Skandal ist, ist bei den eigenen Leuten keine Kleinigkeit. Das wirksamste Werkzeug ist der Seitenwechsel-Test: in Gedanken die handelnde Partei austauschen und prüfen, ob das eigene Urteil gleich bliebe.
Ein Argument, das nur gilt, wenn es der eigenen Seite nützt, ist kein Argument, sondern Parteinahme. Wer die Kriterien je nach Lager wechselt, kann nicht mehr begründen, warum ein Urteil richtig ist – nur noch, wem es nützt. Konsistenz ist darum eine Bedingung für Glaubwürdigkeit: Kritik an der Gegenseite wiegt erst, wenn man sie auch gegen sich selbst gelten ließe.
Doppelte Standards sind in politischen Foren weit verbreitet, und sie entstehen meist unbemerkt: Die eigenen Leute bekommen die wohlwollende Lesart, die anderen die schlimmste. Gleiche Maßstäbe verlangen nicht, alles gleich zu bewerten – Fälle können sich wirklich unterscheiden. Dann muss man den relevanten Unterschied aber benennen können, und er muss mehr sein als die Parteifarbe.
Aufbau
1. Das eigene Urteil oder die eigene Beweisforderung formulieren.2. Seitenwechsel: dieselbe Handlung, dasselbe Argument – aber von der anderen Seite.3. Prüfen, ob das Urteil gleich bliebe.4. Wenn nicht: den sachlichen Unterschied benennen oder das Urteil angleichen.
Woran man es erkennt
„Das habe ich bei der anderen Seite kritisiert, also muss ich es hier auch kritisieren.“
„Würden wir das akzeptieren, wenn es die Gegenseite gemacht hätte?“
Kritik an Fehlverhalten im eigenen Lager, nicht nur im fremden
Dieselben Anforderungen an Quellen, egal welcher Seite sie nützen
Unterschiedliche Urteile werden mit einem benannten sachlichen Unterschied begründet
Beispiele
Forum-Thread über eine Postenbesetzung im Landesdienst
Ein Mitglied, das sonst die Landesregierung verteidigt, schreibt: „Als die Vorgängerregierung einen Parteifreund ohne Ausschreibung zum Direktor gemacht hat, habe ich das Freunderlwirtschaft genannt. Dann muss ich es jetzt auch so nennen.“
Das Mitglied wendet den Maßstab, den es an die frühere Regierung angelegt hat, auf die eigene Seite an – das macht seine Kritik in beiden Fällen glaubwürdig.
Zum Vergleich, schwächer: „Damals war das Postenschacher, diesmal ist es halt der beste Kandidat.“
Gemeinderat, Debatte über Gutachten zu einer Umfahrungsstraße
Eine Gemeinderätin, die gegen die Umfahrung ist, sagt: „Wir haben das Verkehrsgutachten der Befürworter:innen kritisiert, weil es ein beauftragtes Büro erstellt hat. Unser Gegengutachten ist auch beauftragt. Lassen wir also beide von einer unabhängigen Stelle prüfen.“
Sie wendet ihre Skepsis gegenüber Auftragsgutachten auch auf das Gutachten der eigenen Seite an und schlägt ein Verfahren vor, das für beide gilt.
Zum Vergleich, schwächer: „Das Gutachten der Befürworter:innen ist gekauft. Unser Gutachten dagegen zeigt klar, dass die Umfahrung nichts bringt.“
Grenzen
Gleiche Maßstäbe heißen nicht gleiche Urteile: Zwei Fälle, die ähnlich aussehen, können sich in Ausmaß, Absicht oder Folgen wirklich unterscheiden – dann ist eine unterschiedliche Bewertung gerechtfertigt, wenn man den Unterschied benennt. Übertrieben wird der Grundsatz, wenn Kritik erst nach einer vollständigen Bilanz aller Lager erlaubt sein soll; dann wird er zum Whataboutism. Und Konsistenz mit einem falschen Maßstab ist keine Tugend – manchmal ist es richtig, den eigenen bisherigen Maßstab zu korrigieren.
Wenn es fehlt
Schlag den Seitenwechsel-Test als Frage vor, nicht als Vorwurf: „Wie würdest du das sehen, wenn die andere Partei genau das gemacht hätte?“ Unterscheiden sich die Fälle wirklich, frag nach dem Unterschied: „Was genau ist hier anders?“ Am meisten bewirkt, wer selbst vorangeht und Kritik an der eigenen Seite offen ausspricht.
So gelingt es
Mach vor dem Absenden den Seitenwechsel-Test: Tausch die handelnde Partei aus und lies deinen Beitrag noch einmal. Ändert sich dein Urteil, nenn den sachlichen Unterschied – oder pass das Urteil an. Verlange die Belege, die du von der Gegenseite forderst, auch von Quellen, die dir recht geben.
Herkunft
Dass ein Urteil nur dann begründet ist, wenn es für gleiche Fälle gleich ausfällt, ist ein alter Grundsatz von Ethik und Recht: Gleiches gleich, Ungleiches ungleich zu behandeln, geht auf Aristoteles zurück. Der Moralphilosoph R. M. Hare hat ihn als Universalisierbarkeit moralischer Urteile ausgearbeitet.