Gute Argumentation
Widerlegung über die Folge (Modus tollens)
Aus „wenn A, dann B“ und „nicht B“ folgt gültig „nicht A“. So wird eine Behauptung an ihren Vorhersagen geprüft: Bleibt die erwartete Folge aus, ist die Behauptung widerlegt – sofern die Wenn-dann-Regel stimmt.
Der Modus tollens ist der gültige Schluss von einer ausgebliebenen Folge zurück auf die Bedingung: Wenn A gilt, dann gilt B; B gilt nicht; also gilt A nicht. „Hätte die Spitalsreform die Abläufe beschleunigt, müssten die Wartezeiten auf Operationen gesunken sein; sie sind es nicht; also hat sie die Abläufe nicht so beschleunigt wie versprochen.“
Das ist die Logik jeder ernsthaften Prüfung. Eine Behauptung, eine Prognose oder ein Wirkungsversprechen sagt etwas voraus; trifft die Vorhersage nicht ein, ist die Behauptung in Schwierigkeiten. Karl Popper hat darauf seine Wissenschaftstheorie gebaut: Bestätigungen beweisen wenig, eine eindeutig gescheiterte Vorhersage widerlegt.
Zwei Fehlformen ahmen den Modus tollens nach: Die Verneinung des Antezedens schließt aus „nicht A“ auf „nicht B“; die Verneinung von Bedingung und Folge macht aus „wenn A, dann B“ ein „wenn nicht A, dann nicht B“. In der Praxis ist die Wenn-dann-Prämisse die Schwachstelle: Wären gleichzeitig die Patient:innenzahlen stark gestiegen, hätte die Reform wirken können, ohne dass die Wartezeiten sanken. Die Regel muss also auch unter den tatsächlichen Umständen gelten.
Aufbau
Woran man es erkennt
- „Wenn das stimmen würde, müssten wir … sehen. Das sehen wir nicht.“
- „Hätte die Maßnahme gewirkt, wäre … gesunken.“
- Vorhersagen werden vorab festgelegt und später überprüft
- Die Prüfung sagt dazu, ob die Bedingungen für die Vorhersage tatsächlich gegeben waren
Beispiele
Eine Abgeordnete sagt: „Die Landesregierung hat erklärt: Wenn die Reform die Abläufe beschleunigt, sinken die Wartezeiten auf Hüftoperationen binnen zwei Jahren unter drei Monate. Laut Landesbericht liegen sie nach zwei Jahren bei fünf Monaten – bei gleich vielen Patient:innen. Nach ihrer eigenen Vorhersage hat die Reform die Abläufe also nicht beschleunigt.“
Sie misst die Reform an der Vorhersage der Regierung und schließt gültig, dass die Bedingung nicht erfüllt ist. Mit dem Hinweis auf gleich viele Patient:innen schließt sie die naheliegende Ausrede aus, die Regel habe unter veränderten Umständen nicht gegolten.
Zum Vergleich, schwächer: „Die Reform ist gescheitert, das sieht doch jeder.“
„Wenn die Abgabe Gäste vertreiben würde, müssten die Nächtigungen seit ihrer Einführung gesunken sein – zumindest im Vergleich zu Nachbarorten ohne Abgabe. Laut Gemeindestatistik sind sie bei uns aber um 4 % gestiegen, im Nachbarort um 3 %. Die These vom Vertreiben hält also nicht.“
Aus der These wird eine prüfbare Folge abgeleitet; dass sie ausbleibt, widerlegt die These. Der Vergleich mit dem Nachbarort sichert die Wenn-dann-Regel gegen einen allgemeinen Aufwärtstrend ab.
Zum Vergleich, schwächer: „Das mit dem Vertreiben ist doch Blödsinn.“
Grenzen
Der Schluss ist nur so gut wie die Wenn-dann-Regel: Oft hätte A unter den tatsächlichen Umständen B gar nicht bewirkt, und dann widerlegt das Ausbleiben von B nicht A, sondern nur die Regel in ihrer einfachen Form. Auch „nicht B“ muss sauber festgestellt sein – Messfehler und kurze Zeiträume täuschen. Bei Tendenzaussagen widerlegt ein einzelnes Ausbleiben wenig; dort braucht es viele Beobachtungen.
Wenn es fehlt
Steht eine Behauptung im Raum, frag nach ihrer prüfbaren Folge: „Wenn das stimmt, was müssten wir dann sehen?“ Schaut gemeinsam nach – und wenn die Folge ausbleibt, frag, ob es einen guten Grund gibt, warum sie unter diesen Umständen ausbleiben konnte.
So gelingt es
Leite aus deiner eigenen Behauptung eine Folge ab, die man beobachten kann, und sag vorab, was dich widerlegen würde. Widerlegst du eine fremde These mit einem Modus tollens, prüf, ob die Wenn-dann-Regel auch unter den tatsächlichen Umständen gilt.
Herkunft
Die Stoiker führten den Modus tollens als zweiten ihrer „unbeweisbaren“ Grundschlüsse; der lateinische Name modus tollendo tollens („die durch Aufheben aufhebende Weise“) stammt aus der mittelalterlichen Logik. Karl Popper machte ihn in der „Logik der Forschung“ (1935) zur logischen Grundform der Falsifikation.