Fehlschluss·Schwere 2/3
Opportunitätskosten übersehen
Eine Maßnahme wird nur nach ihren sichtbaren Wirkungen beurteilt, ohne zu fragen, was dieselben Mittel – Geld, Zeit, Fläche – anderswo bewirkt hätten; kein Fehler, wenn die Alternativen verglichen werden oder die Mittel sonst ungenutzt blieben.
Jede Ausgabe ist zugleich ein Verzicht: Das Geld, die Arbeitszeit oder die Fläche, die in ein Projekt fließen, stehen für anderes nicht mehr zur Verfügung. Der Fehler besteht darin, nur das Sichtbare zu zählen – „Die Förderung schafft 500 Jobs“, „Die neue Halle bringt Leben in den Ort“ – und das Unsichtbare zu übergehen: was mit denselben Mitteln sonst entstanden wäre, durch ein anderes Projekt oder durch die Steuerzahler:innen, die das Geld selbst ausgegeben hätten.
Ohne Vergleich ist jede Wirkungsangabe unvollständig. Eine Maßnahme ist nicht schon gut, weil sie etwas bewirkt, sondern erst, wenn sie mehr bewirkt als die beste verfügbare Alternative. 500 Jobs für 50 Millionen Euro sind 100.000 Euro pro Job – ob das viel ist, zeigt erst der Vergleich mit anderen Verwendungen.
Der Fehler ist verbreitet, weil Nutzen sichtbar ist – mit Spatenstich und Pressefoto –, während entgangener Nutzen nirgends auftaucht. Er begegnet in Debatten über Förderungen, Großprojekte, Steuerbegünstigungen und Wiederaufbau nach Schäden, bei allen Parteien. Abzugrenzen sind versunkene Kosten: Dort geht es um bereits ausgegebenes Geld, hier um die Wahl, wofür man Mittel künftig einsetzt.
Muster
Woran man es erkennt
- „Schafft … Arbeitsplätze“ oder „sichert Wertschöpfung“ ohne Angabe der Kosten pro Arbeitsplatz
- Nur der Nutzen wird genannt, der Vergleich mit anderen Verwendungen fehlt
- „Das Geld bleibt ja in der Region“, als ginge es sonst verloren
- Schäden oder Reparaturen werden als Ankurbelung der Wirtschaft gelobt
- „Kostet doch nur …“, ohne zu sagen, was dafür wegfällt
Beispiele
„Mit 50 Millionen Euro Förderung holen wir das Werk ins Land und schaffen 500 Arbeitsplätze. Eine bessere Investition gibt es nicht.“
Genannt wird nur der sichtbare Nutzen. Das sind 100.000 Euro pro Arbeitsplatz; ob dasselbe Geld – etwa für Ausbildung, Kinderbetreuung oder geringere Abgaben bestehender Betriebe – mehr gebracht hätte, wird nicht gefragt, und „eine bessere Investition gibt es nicht“ bleibt unbegründet.
Besser: „Die Förderung kostet 100.000 Euro pro Arbeitsplatz. Andere Programme des Landes lagen zwischen 60.000 und 150.000 Euro pro Job – wir halten das Werk wegen der Aufträge für regionale Zulieferbetriebe trotzdem für die bessere Wahl.“
Ein Mitglied schreibt: „Gratis-Öffis kosten die Stadt nur 30 Millionen im Jahr, und dafür fahren dann viel mehr Leute Bus. Ein klarer Gewinn.“
Der Beitrag nennt Kosten und Nutzen, aber keine Alternative: Mit denselben 30 Millionen ließe sich vielleicht ein dichterer Takt oder eine neue Linie finanzieren, die ebenso viele oder mehr Fahrgäste bringt. Ob Gratis-Öffis die beste Verwendung sind, bleibt offen.
Besser: „Gratis-Öffis kosten 30 Millionen im Jahr. Dasselbe Geld würde laut Verkehrsbetrieb für einen 10-Minuten-Takt auf allen Hauptlinien reichen. Ich halte Gratis-Öffis trotzdem für besser, weil für viele der Preis die größere Hürde ist als der Takt.“
Kein Fehlschluss, wenn …
Kein Fehler ist es, den Nutzen einer Maßnahme zu nennen, wenn die Alternativen erkennbar schlechter oder nicht verfügbar sind – etwa wenn Fördermittel zweckgebunden sind und sonst verfallen oder wenn Arbeitskräfte und Maschinen in einer tiefen Krise ohnehin ungenutzt blieben. Auch eine bewusste Entscheidung für die teurere Lösung ist legitim, wenn die Gründe offenliegen. Wer Opportunitätskosten einfordert, muss selbst eine realistische Alternative nennen, nicht bloß eine ideale.
So reagierst du
Frag nach der Alternative, ohne den Nutzen zu bestreiten: „500 Jobs sind gut. Was hätten dieselben 50 Millionen anderswo gebracht?“ Fehlt eine Zahl pro Einheit, rechnet sie gemeinsam aus – Kosten pro Arbeitsplatz oder pro Fahrgast machen Vergleiche möglich, ohne dass jemand angegriffen wird.
So vermeidest du es
Wenn du eine Maßnahme lobst, nenn ihre Kosten und vergleich sie mit mindestens einer anderen Verwendung derselben Mittel. Rechne Kennzahlen wie Kosten pro Arbeitsplatz oder pro eingesparter Tonne CO₂ aus und sag, warum deine Wahl trotzdem die bessere ist.
Herkunft
Frédéric Bastiat veranschaulichte den Fehler 1850 in „Ce qu’on voit et ce qu’on ne voit pas“ („Was man sieht und was man nicht sieht“) mit dem zerbrochenen Fenster: Der Glaser verdient, doch der Besitzer hätte das Geld sonst für etwas anderes ausgegeben. Das Konzept der Opportunitätskosten entwickelte maßgeblich der österreichische Ökonom Friedrich von Wieser im späten 19. Jahrhundert.