Fehlschluss·Schwere 2/3
Bringt eh nichts (Vergeblichkeitsargument)
Eine Maßnahme wird ohne Beleg für wirkungslos erklärt – oder der eigene Beitrag zu einem gemeinsamen Problem für zu klein, um zu zählen, obwohl alle Beteiligten dasselbe sagen könnten; kein Fehler, wenn die Wirkungslosigkeit belegt ist.
Das Vergeblichkeitsargument hat zwei Formen. In der ersten bewirkt eine Maßnahme angeblich gar nichts, weil die Betroffenen ausweichen oder das System sie schluckt: „Die Leute rauchen dann eben zu Hause“, „Die Reichen ziehen sowieso weg“. In der zweiten wird der eigene Beitrag kleingerechnet: „Österreich verursacht nicht einmal ein Prozent der weltweiten Emissionen – was wir tun, ist ein Tropfen auf den heißen Stein.“
Die erste Form ist eine Behauptung über Wirkung und Ausweichverhalten, die belegt werden müsste; oft verringert eine Maßnahme ein Problem, auch wenn manche ausweichen. Die zweite übersieht, dass ein Problem aus vielen kleinen Beiträgen bestehen kann: Erklärt jeder Beitragende seinen Anteil für unerheblich, geschieht nichts, obwohl die Summe dieser Anteile das ganze Problem ist. Ob sich ein kleiner Beitrag lohnt, entscheiden seine Kosten und sein Nutzen, nicht seine Größe im Verhältnis zum Ganzen.
Das Argument wirkt, weil es Nichtstun als realistisch und die Gegenseite als naiv erscheinen lässt. Es begegnet in Debatten über Klimaschutz, Steuern, Drogenpolitik, Grenzschutz oder Integration – und wird von allen Lagern gegen die Vorschläge der jeweils anderen eingesetzt.
Muster
Woran man es erkennt
- „Bringt eh nichts“, „Die finden sowieso einen Weg“, „Dann machen sie es halt woanders“
- „Wir sind nur … Prozent – ein Tropfen auf den heißen Stein“
- „Solange die großen Länder nicht mitmachen, ist alles sinnlos“
- Ausweichverhalten wird als vollständig unterstellt, ohne Zahlen
- Die Wirkung wird am Gesamtproblem gemessen statt an dem Teil, den die Maßnahme betrifft
Beispiele
Ein Abgeordneter erklärt: „Österreich verursacht nicht einmal ein Prozent der weltweiten Emissionen. Was wir hier beschließen, ist ein Tropfen auf den heißen Stein.“
Fast jedes Land verursacht nur einen kleinen Anteil; mit derselben Begründung könnte sich jedes zurücklehnen, obwohl die Summe dieser Anteile das Problem ausmacht. Ob sich die Maßnahmen lohnen, hängt von ihren Kosten und ihrer Wirkung ab, nicht vom Anteil des Landes.
Besser: „Unser Anteil ist klein. Deshalb sollten wir die Maßnahmen wählen, die pro Euro am meisten CO₂ sparen, und auf gemeinsame EU-Regeln setzen, statt teure Alleingänge zu beschließen.“
Ein Mitglied schreibt: „Mehr Polizei im Park bringt eh nichts. Der Drogenhandel zieht dann halt zwei Straßen weiter.“
Verdrängung kommt vor, ist aber selten vollständig. Ob die Kontrollen den Handel insgesamt verringern oder nur verlagern, ist eine empirische Frage – der Beitrag stellt sie als beantwortet hin.
Besser: „Ich fürchte, dass sich der Handel großteils nur verlagert – so war es vor zwei Jahren am Bahnhof. Wenn die Stadt kontrolliert, sollte sie auch messen, ob er im ganzen Viertel zurückgeht.“
„Ein Rauchverbot in Lokalen bringt überhaupt nichts. Die Leute rauchen dann eben zu Hause.“
Der Brief erklärt die Maßnahme für wirkungslos, ohne ihren Zweck zu prüfen: Das Verbot soll vor allem Kellner:innen und nichtrauchende Gäste schützen, und das tut es auch dann, wenn manche zu Hause weiterrauchen. Ob insgesamt weniger geraucht wird, wäre eine Frage der Daten.
Besser: „Ich fürchte, dass das Rauchverbot vor allem den Wirtshäusern am Land Gäste kostet, während zu Hause weitergeraucht wird. Gibt es Zahlen aus Ländern, die es schon länger haben?“
Kein Fehlschluss, wenn …
Kein Fehlschluss ist der begründete Nachweis, dass eine Maßnahme wenig bewirkt – etwa weil Erfahrungen anderswo zeigen, dass Ausweichverhalten den Effekt aufzehrt. Dann ist es ein Argument über Kosten und Nutzen. Auch der Hinweis auf einen kleinen Anteil ist berechtigt, wenn er zur Frage führt, wo das Geld am meisten bewirkt, oder wenn eine Maßnahme nachweislich nur gemeinsam mit anderen wirkt und diese ausbleiben.
So reagierst du
Frag nach der Wirkung, die tatsächlich zu erwarten ist: „Wie viel würde sich verlagern – alles oder ein Teil? Gibt es Erfahrungen aus anderen Städten?“ Beim kleinen Anteil hilft die Gegenfrage, ob das Argument auch für andere gälte: „Wenn jedes Land mit kleinem Anteil so rechnet – wer handelt dann?“ Lenk danach auf die Frage, welche Maßnahmen ihr Geld wert sind.
So vermeidest du es
Wenn du eine Maßnahme für wirkungslos hältst, nenn den Mechanismus und einen Beleg, und schätz, wie groß der Effekt sein könnte, statt ihn auf null zu setzen. Miss einen kleinen Beitrag an seinen Kosten und seinem Nutzen, nicht am Gesamtproblem.
Herkunft
Albert O. Hirschman beschrieb in „The Rhetoric of Reaction“ (1991) drei wiederkehrende Argumente gegen Reformen: Die Reform bewirke das Gegenteil (Perversität), sie bewirke nichts (Vergeblichkeit) oder sie gefährde Erreichtes (Gefährdung). Das Vergeblichkeitsargument entspricht der zweiten Figur, wird heute aber gegen Vorschläge aller Richtungen verwendet.